Wissenschaft trifft Hund


Aussehen, Gesundheit, Verhalten - Wie der Mensch den Hund verändert!

Wir wissen, dass Genetik und Umwelt das Aussehen, das Verhalten und die Gesundheit unserer Hunde beeinflussen. Seit einigen Jahren sind weitere „Auslöser" und „Mechanismen" in den Fokus der Wissenschaft getreten. Diese wichtigen Faktoren können die Funktionen der Gene maßgebend beeinflussen und gehören zu dem sehr jungen biologischen Fachgebiet der Epigenetik. In welcher Weise sich durch epigenetische Einflüsse unsere Gene verändern (lassen) wird die Wissenschaft auch zukünftig beschäftigen.
Eine Genetikerin, ein Psychologe und eine Neurologin gaben uns in spannenden Vorträgen einen Einblick in Prozesse, die unseren Hund ausmachen und ihn verändern können.

Vormittagsvortrag von Irene Sommerfeld-Stur,
Genetikerin

Wie wird der Hund zum Hund
- Grundlagen der Genetik und Epigenetik



Das Wissen um die genetischen Grundlagen unseres Hundes ist eine wichtige Voraussetzung für das Verstehen der typischen Rassemerkmale und deren Entstehung.
Gene beeinflussen das Aussehen, das Verhalten sowie die Gesundheit unserer Vierbeiner.
Während der Mensch noch bis vor kurzem den Genen allein diese Aufgabe zuschrieben, sind seit einigen Jahren weitere „Auslöser" und „Mechanismen" in den Fokus der Wissenschaft getreten. Diese in der Epigenetik zusammengefassten ebenso wichtigen Faktoren können die Funktionen der Gene maßgebend beeinflussen! Der Vortrag gibt eine Einführung in die wichtigsten genetischen Mechanismen. Dabei werden auch neue Erkenntnisse aus dem Bereich der Epigenetik besprochen.

• Was ist ein Gen, wie wirken Gene?
• Wie beeinflussen Gene Körperbau, Farbe, Verhalten und Gesundheit?
• Welche Wechselwirkungen zwischen Genen gibt es?
• Was sind Mutationen und was haben sie für eine Bedeutung?
• Was hat es mit der Epigenetik auf sich?
• Wie werden genetische und epigenetische Informationen weitergegeben?
• Welche möglichen Konsequenzen haben vorgeburtliche Einflüsse, wie zum Beispiel Stress in der Trächtigkeit oder mangelnde Betreuung während der Säugezeit?

Mittagsvortrag von Daniela Pörtl, Ärztin mit Schwerpunkt Neurologie und Psychiatrie (Foto: C. Jung)

Die Mensch-Hund Beziehung im Spannungsfeld von Umwelt, Epigenetik und Genetik



„Wir können nicht nicht kommunizieren!“
Das gilt nicht nur für Kommunikation von Mensch zu Mensch sondern auch von Mensch zu Hund.
Die genetische Ausstattung gerade für Bereiche im Gehirn, die für soziale Funktionen verantwortlich sind, legt hier eine Basis - bei uns und unseren Hunden.
Dann werden wir und unsere Hunde bereits durch Einflüsse geprägt, die in der vorhergehenden Generation gewirkt haben. Auch vorgeburtliche Umweltreize wirken sich auf unsere Art der Beziehungsgestaltung und sozialen Interaktion aus, wieder bei Hund und Mensch in sehr ähnlicher Weise. Dann folgen frühkindliche Einflüsse. die ebenfalls über epigenetische Mechanismen unser soziales Handeln bestimmen, Schließlich kommen die eigene Sozialisation, Lernerfahrung und aktuelle Umwelt und Lebenssituation als unser Verhalten formende Faktoren hinzu.
Um eine gute Bindung von Mensch und Hund zu ermöglichen, müssen wir all diese Einflüsse kennen und berücksichtigen. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die frühen Lebenserfahrungen die sind, die das Sozialverhalten am meisten beeinflussen, auch wenn im weiteren Leben noch Veränderung möglich ist. Die in allen Bereichen optimalen Voraussetzungen werden sich dabei selten herstellen lassen, umso wichtiger ist es aber, Defizite zu erkennen (beim Hund und bei sich) und mit diesen umgehen zu lernen, denn Lernen ist immer möglich.

Daher müssen wir uns mit folgendem beschäftigen.

Die genetische Basis des Sozialverhaltens:
- Zucht
Die epigenetische Basis
- Auswahl der Elterntiere auch nach psychosozialen Aspekten
- Aufzuchtbedingungen beim Züchter incl. Umgebung, Persönlichkeit der Elterntiere und des Züchters
- Prozedere der "Adoption"
Die soziale Umwelt:
- Aufbau der eigenen Sozialbeziehung zum Hund, hier ist auch Kenntnis über die eigene Persönlichkeit hilfreich
- soziale Bindung fördert Lernen und soziale Interaktion

Nachmittagsvortrag von Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Publizist:

Vom Allrounder zum Spezi
Hund extrem: Ästhetik und Leistung vs. Ethik



Hund und Mensch gehen seit der Altsteinzeit gemeinsam durchs Leben. Über viele Jahrtausende wurden beide Spezies durch den gemeinsamen Kampf ums Überleben zusammengeschweißt. Mit der Teilung der Arbeit beim Menschen entwickelten sich die verschiedenen Hunderassen: Jagd-, Schlitten-, Hüte-, Kriegshunde und viele weitere Spezialisten. Auch Schoßhündchen zählten schon sehr früh dazu. Doch hatten die Hunde immer ihre sexuellen Freiheiten. Erst mit der modernen Rassehundezucht wurden seit etwa 150 Jahren eindeutige genetische Grenzen zwischen den Hunderassen gezogen. Heute geht der Mensch noch eine Stufe weiter. Künstliche Besamung, terminierte Kaiserschnitte, Ammenaufzucht lassen die Hunde, besonders die Hündinnen, zu industriellen Produktionsmaschinen verkommen. Parallel hierzu sehen wir immer schlimmere Eskapaden von Qualzucht. Das alles ist faktisch legal in Deutschland, der EU, den USA - alles Kulturen, die Wert auf Moral, Ethik und Tierschutz legen. Haben wir Menschen die Freundschaft der Hunde noch verdient?

> Seit wann züchtet der Mensch Hunde?
> Welches waren die hauptsächlichen Gründe dafür?
> Seit wann gibt es die moderne Rassehundzucht?
> Die Anfänge bis heute, was hat sich in der Rassehundzucht verändert?
> Aussehen vs. Charakter, wie extrem wird heute gezüchtet?
> Wie vereinbar sind Ethik und Moral mit den heutigen Zuchtzielen?

Interview mit Danilea Pört und Christoph Jung

Irene Sommerfeld-Stur

Irene Sommerfeld-Stur hat an der damaligen Tierärztlichen Hochschule in Wien Veterinärmedizin studiert, 1973 ihr Studium abgeschlossen, 1975 promoviert und 1985 habilitiert.
Die Problematik von Erbfehlern und Qualzucht, aber auch populationsgenetische Fragestellungen, Verhaltensgenetik und Fragen der genetischen Vielfalt stehen heute in ihrem Fokus Seit einigen Jahren betreibt sie eine Webpage mit Informationen über genetische Themen für Hundezüchter und –halter und bietet genetisch-züchterische Beratung sowie Vorträge für Züchter und Zuchtverbände an. Im Frühjahr 2016 kam ihr Buch „Rassehundezucht – Genetik für Züchter und Halter“ heraus.

Daniela Pörtl

Daniela Pörtl studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und arbeitet seitdem als Ärztin im Bereich Neurologie/Psychiatrie. Sie erforscht die Mensch-Hund-Beziehung mit dem Schwerpunkt auf der neurobiologischen Ebene und entwickelte das "Model der aktiven sozialen Domestikation" und referierte hierzu auf mehreren internationalen Kongressen. Sie wohnt mit ihrer Familie und drei Hunden zusammen und ist in ihrer Freizeit aktive Schlittenhundeführerin.

Christoph Jung

Christoph Jung ist Diplom-Psychologe. Er studierte Biologie und Psychologie in Bonn bei Reinhold Bergler, dem Begründer der deutschen Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung. In einer Reihe von öffentlichen Gremien trat er für eine Wende in der Hundezucht ein. Zusammen mit Daniela Pörtl hat er 2015 das Buch "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" veröffentlicht, das mit einem interdisziplinären Ansatz die Co-Evolution und die Gesetzmäßigkeiten dieser einmaligen, so wundervollen Beziehung erforscht.