Wissenschaft trifft Hund


Der Hund. Der Mensch.
Samstag, den 16.06.2018
von 08:30 Uhr bis 17:30 Uhr
Hörsaal der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock


Interview mit Christoph Jung und Daniela Pörtl
Das Interview führte Kathrin Richter am 10.06.2018.

Vierbeinerforum: Wir durften Euch ja schon im vergangenen Jahr in Rostock begrüßen, da habt Ihr Euer Modell der „Aktiven Sozialen Domestikation“ vorgestellt. Mit diesem Modell habt Ihr die internationale Wissenschaft rund um den Hund ganz schön auf den Plan gerufen. Was ist an diesem Modell so neu bzw. so anders?
C. Jung/D. Pörtl: Wir beschreiben erstmals den Hund als das Ergebnis einer aktiven, freiwilligen sozialen Kooperation von Mensch und Wolf. Wir haben die neurobiologischen Prozesse, die das möglich machten, dargelegt. In der Eiszeit hatten beide eine sehr ähnlich, hoch soziale Lebensweise. Bei der Jagd auf Mammuts lernte man sich immer besser kennen. Mit der Zeit machten einzelne Menschenclans und einzelne Wolfsrudel die Erfahrung, dass eine Kooperation für beide vorteilhaft ist. Als der intelligentere hatte der Mensch letztlich die Führung inne. Der mittlerweile zahme und zutrauliche Wolf hat sich in die Sozialordnung des Menschen eingeordnet und wurde so zum Hund. Wir haben auch belegt, dass dieser Prozess neurobiologisch möglich ist. Er hat für beide sogar das Stressniveau gesenkt und so unsere soziale und mentale Leistungsfähigkeit gefördert.
Wir denken, dass der Hund eine sehr wichtige Rolle in der Evolution der Menschheit spielt.

Vierbeinerforum: Christoph, Du setzt Dich kritisch mit Aussagen renommierter Hundeforscher, wie des kürzlich verstorbenen Biologie-Professors Ray Coppinger, auseinander, der im Hund lediglich einen Schmarotzer sieht, dessen Natur es sei, menschlichen Müll zu verwerten. Warum?
C. Jung: Der Hund wird als Schmarotzer, Aas- und Kotfresser charakterisiert. Es ist schon erstaunlich, dass so viele Wissenschaftler und renommierte Medien wie BBC oder New York Times dieser eher abwertenden Sicht folgen. Mit einer solchen Charakterisierung kann man aber nicht die herausragenden Leistungen des Hundes für uns Menschen erklären. Hunde verstehen uns besser als jeder Schimpanse und Bonobo. Hunde tragen in sich den aktiven Willen für und mit uns zu arbeiten. Sie können das in den verschiedensten Jobs ganz hervorragend. Schon seit der Steinzeit drückt sich die Anerkennung hierfür in Gräber für Hunde und sogar gemeinsamen Gräber von Menschen und Hunden aus. Eigentlich hätte der Hund unseren Dank und unseren Respekt verdient. Das passt aber nicht in eine Welt der industriellen Massentierhaltung, der Tierversuche, der rücksichtlosen Ausbeutung der Natur, des Hundehandels.
Mit einer abwertenden Sicht auf den Hund lässt sich da viel besser leben.

Vierbeinerforum: Wie passen Genetik und Epigenetik in das Modell der „Aktiven Sozialen Domestikation“ hinein?
C. Jung/D. Pörtl: Nach unserer Kenntnis sind wir die ersten, die die Epigenetik als wichtigen Mechanismus in das Thema der Domestikation des Hundes eingeführt haben. Meist versucht man, die offensichtlichen Veränderungen vom Wolf zum Hund allein durch das klassische Modell von Mutation und Selektion zu erklären. Das funktioniert aber nicht wirklich. Mit Mutation und Selektion kann man zum Beispiel nicht erklären, warum der Wolf und nicht etwa Fuchs oder Kojote zum besten Freund des Menschen wurden. Auch hätte eine Domestikation des Hundes allein durch Mutation Jahrmillionen gedauert und gezielte Zucht von Wölfen ohne Ketten und Ställen aus Stein war nicht möglich gewesen. Mit der Epigenetik können wir uns eine Annäherung als ersten natürlichen Prozess der Domestikation aber gut erklären. Wir können heute verstehen, dass manche evolutionäre Prozesse viel schneller ablaufen. Über die Mechanismen der Epigenetik konnte die Annäherung von Mensch und Wolf, einmal durch soziale Interaktion gestartet, viel schneller und intensiver ablaufen. Das können wir mit unserem Modell sehr genau erklären.

Vierbeinerforum: Was macht gerade die relative junge Epigentik heute so spannend?
C. Jung/D. Pörtl: Die Mechanismen der Epigenetik lassen uns viel besser verstehen, dass Vererbung viel mehr ist als eine schlichte Weitergabe von Genen. Gene können aktiviert und abgeschaltet werden. Gene können also einen aktiven Prozess spielen. Sie sind viel leistungsfähiger als die bisherige Vorstellung von einem passiven Mechanismus der Mutation und Selektion zuließ. Gene können sogar Erfahrungen vererben - noch bis vor kurzem ein geradezu ketzerischer Gedanke in der Biologie. So wird eine nur von Vaterseite geprägter Angststimulus bei Mäusen sogar noch in die dritten Generation weitervererbt, obwohl die Kinder und Enkel den Angst auslösenden Stimulus nie kennen gelernt hatten. Ähnliche Mechanismen wirken bei Hund und Mensch und eben auch in deren Verhältnis untereinander.

Vierbeinerforum: Die neurobiologische Forschung rund um den Hund steckt noch in den Kinderschuhen. Stimmt es, dass in Mensch und Hund ähnliche neurobiologische Prozesse ablaufen?
C. Jung/D. Pörtl: Erst seit wenigen Jahren hat sich die Wissenschaft vom Hund, die den Mensch zwingend mit einschließen muss, aus der Tiermedizin und Verhaltensbiologie mit ihrem Behaviorismus emanzipiert. Neurologen, Psychiater und Psychologen bringen wegweisende Impulse in die Forschung. So kann man in die arbeitenden Gehirne von Menschen wie Hunden blicken. Sie arbeiten in der Psyche fast identisch. Hunde und Menschen ticken sehr ähnlich. Was Hundefreunde schon immer wussten bestätigen jetzt Neurologen mit dem Blick auf die Gehirnfunktionen. Gleiches gilt für die Hormone. Sogar unsere Genome arbeiten ähnlich was die Psyche angeht. Daher wird derzeit mit enormem finanziellem Aufwand mit dem Hund als Modell die Erforschung einer neuen Generation von Psychopharmaka vorangetrieben. Die neuen Psychopharmaka sollen direkt in die epigenetischen Prozesse eingreifen, die etwa Depressionen auslösen - und das hochwirksam und ohne Nebenwirkungen.

Vierbeinerforum: Täglich hat man das Gefühl, dass die Probleme mit den Hunden in unseren Familien zunehmen. Habt Ihr dafür eine (neurobiologische/epigenetische) Erklärung?
C. Jung/D. Pörtl: Wir sehen hier erst einmal drei Faktoren. Leider nimmt der Anteil unserer Hunde massiv zu, die aus zweifelhaften Hinterhof"zuchten" oder gar aus der industriellen Hundeproduktion Osteuropas stammen. Besonders die Muttertiere stehen unter ständigem Stress. Eine Sozialisation in einer behüteten Wurfkiste im Haus der Familie des Züchters findet hier nicht statt. Über die eben genannten epigenetischen Prozesse erben die Welpen ein hohes Stressniveau. Die fehlende Sozialisierung tut ihr übriges. Als zweites sehen wir unsere immer weitergehende Entfremdung von der Natur als mögliche Ursache. Der Hund wird oft zum Statussymbol degradiert statt als Partner mit eigenen Bedürfnissen integriert. Als drittes kommt die subtile Hundefeindlichkeit der Gesellschaft hinzu.

Vierbeinerforum: Mit der Entschlüsselung der DNA verfügen wir Menschen über mächtiges Wissen. Können wir dieses Wissen (die Natur) beherrschen?
C. Jung/D. Pörtl: Die Natur beherrscht uns. Das sehen wir überzeugend an den Veränderungen des Klimas. Je mehr wir über die mächtigen Funktionen der Epigenetik herausfinden, desto mehr sollten wir Achtung und Respekt empfinden. Wir fürchten, dass sich der heutige Mensch in seinem Hochmut anderes entscheidet. Das wird kein gutes Ende nehmen, zumindest nicht für den Menschen.

Vierbeinerforum: Bunte „Merle“ oder „Silbergraue“ Hunde sind der Renner unter den Hundeliebhabern. Was des Menschen Auge erfreut bezahlen diese Hunde teuer an Gesundheit ….
C. Jung/D. Pörtl: Der Hund wird zunehmend zu einem Konsumartikel degradiert. Viele Züchter achten auf das Aussehen. Das Wesen spielt kaum eine Rolle. Wir Welpenkäufer wollen das so, etwa wenn wir auf seltene Fellfarben wert legen. Es ist schon bemerkenswert, dass Fellfarben, die auf einem Gendefekt beruhen, der auch Taubheit erzeugen kann. Auch die Plattnasen, die brachyzephalen Hunderassen, haben einen regelrechten Boom, obwohl deren gesundheitliche Probleme in der Öffentlichkeit hinreichend bekannt sind. Zudem kommen die allermeisten Welpen dieser Rassen auch noch aus zwielichtigen Produktionen. Hunde waren immer auch Repräsentationsobjekte. Heute wird auch noch "Freundschaft" zu einer Ware, die man konsumieren will. Dieser Weg tut auch uns Menschen nicht wirklich gut. Es bedarf gesetzlicher Mindeststandards für die Hundezucht, EU weit, sowie eines Verbot des Hundehandels.

Vierbeinerforum: Genetik wird ja gerne als ziemlich trockenes Thema angesehen. Warum sollten Eurer Meinung nach sich Hundemenschen mit diesem Thema befassen?
C. Jung/D. Pörtl: Wir können damit unseren Hund, sein Wesen, sein Verhalten, seine Wünsche und Bedürfnisse viel besser verstehen. Das gilt ebenso für eventuelle Krankheiten und Verhaltensstörungen. Genetik, Zucht, Aufzucht, Adoption und das Leben zusammen mit unseren Hunden stehen in wechselseitigen Beziehungen, so dass Genetik nicht nur in der Zucht sondern auch im Alltag immer mit eine wichtige Rolle spielt. Unseren Hund auch in seinem genetischen Erbe zu verstehen, hilft uns ihn insgesamt zu verstehen und ein innigeres Verhältnis zu ihm zu entwickeln.

Vierbeinerforum: Auf welchen weiteren Veranstaltungen (nach Rostock) wird man Euren Vorträgen zuhören können und wo seid Ihr zuletzt gewesen?
C. Jung/D. Pörtl: Wir waren zuletzt als Redner auf der 1st American Canine Science Conference an der University of Arizona und im Juli halten wir Vorträge beim 6. Canine Science Forum in Budapest. Rostock ist für uns ein Höhepunkt nicht zuletzt auch wegen der tollen Atmosphäre, die wir letztes Jahr auf dem Vierbeinerforum erleben durften..

Daniela Pörtl

Daniela Pörtl studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und arbeitet seitdem als Ärztin im Bereich Neurologie/Psychiatrie. Sie erforscht die Mensch-Hund-Beziehung mit dem Schwerpunkt auf der neurobiologischen Ebene und entwickelte das "Model der aktiven sozialen Domestikation" und referierte hierzu auf mehreren internationalen Kongressen. Sie wohnt mit ihrer Familie und drei Hunden zusammen und ist in ihrer Freizeit aktive Schlittenhundeführerin.

Christoph Jung

Christoph Jung ist Diplom-Psychologe. Er studierte Biologie und Psychologie in Bonn bei Reinhold Bergler, dem Begründer der deutschen Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung. In einer Reihe von öffentlichen Gremien trat er für eine Wende in der Hundezucht ein. Zusammen mit Daniela Pörtl hat er 2015 das Buch "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" veröffentlicht, das mit einem interdisziplinären Ansatz die Co-Evolution und die Gesetzmäßigkeiten dieser einmaligen, so wundervollen Beziehung erforscht.