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++04.02.2014 - Hounds&People, Astrid Ebenhoch++
Hunde können Denkaufgaben eigenständig und flexibel lösen ...

Interview mit Dr. Juliane Kaminski "Für mich als Wissenschaftler ist es einigermaßen enttäuschend zu sehen, mit wie wenig fundiertem Grundwissen man sich zum Experten und Trainer erklären kann." Dr. Juliane Kaminski.

Dr. Juliane Kaminski erforschte und bewies die kognitiven und intelligenten Fähigkeiten von Hunden am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Seit Mitte 2012 ist sie Dozentin an der Universität of Portsmouth im Departement für Psychologie und Kognitionsforschung in England.

Mit ihren Forschungsarbeiten zeigt sie zudem auf, dass Hunde bis heute immer noch unterschätzt und falsch verstanden werden.

Hounds & People: Guten Tag, Frau Dr. Kaminski

Dr. Juliane Kaminski: Guten Tag, Frau Ebenhoch

Hounds & People: Für Sie wurde an der Uni in Portsmouth, England das weltweit erste Dog Kognitions Zentrum, für die Erforschung der Hunde mit ihren Fähigkeiten den Menschen und die Umwelt zu verstehen, eingerichtet. Das ist sensationell und einzigartig! Ich gratuliere! Was bedeutet das für Sie, die Hunde und die Menschen?

Dr. Juliane Kaminski: Danke! Es ist großartig, dass sich die Vergleichende Kognitionswissenschaft nun vermehrt dem Hund widmet. Hundebesitzer, Hundetrainer, jeder der mit Hunden arbeitet kann davon nur profitieren. Endlich gibt es die Chance festgefahrene ‘Meinungen’ durch Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu ersetzen. Es ist auch eine große Chance für Hundebesitzer mehr über ihre Hunde zu lernen. Die Hundebesitzer, die mit ihren Hunde bei unseren Studien mitmachen sind immer ganz begeistert wenn sie sehen wie sich ihr Hund verhält und wie er die Situationen löst.

Hounds & People: Gerade veröffentlichten Sie eine neue Studie über die Micromimik von Hunden. Warum verändert Ihre neue wissenschaftliche Arbeit, die ganze Evolutionsgeschichte der Hunde?

Dr. Juliane Kaminski: Ich weiß nicht ob wir so weit gehen können zu sagen, dass unsere Studie, die ganze Evolutionsgeschichte des Hundes verändert. Was wir jedoch annehmen ist, dass sie etwas aufzeigt, was vielleicht auch vor tausenden von Jahren eine Rolle bei der Auswahl von Hunden gespielt haben könnte. Wir haben gezeigt, dass Menschen, die in Tierheimen auf der Suche nach neuen Hunden sind solche Hunde bevorzugen, die besonders häufig einen Gesichtsmuskel bewegen, der die Augenbrauen zusammenzieht und damit ihre Augen größer erscheinen lässt. Dies lässt das ganze Gesicht des Hundes kindlicher wirken und Hunde, die eben diese Gesichtsbewegung häufiger gemacht wurden schneller aus den Tierheimen adoptiert als andere Hunde. Kein anderes Verhalten, z.B. Schwanzwedeln etc, hatte einen Einfluss.

Hounds & People: An Ihrem Institut wurde für Hunde eine neue und einzigartige Technologie entwickelt DogFACS mit der die Mimik der Hunde analysiert wurde. Wurde diese nach dem Vorbild von FACS –Facial Action Coding System von Paul Eckman entwickelt und warum?

Dr. Juliane Kaminski: Dog FACS beruht auf genau dem System was von Paul Ekman in den 70er Jahren entwickelt wurde um Gesichtsausdrücke des Menschen zu analysieren. Wir haben nun dieses System für den Hund entwickelt. Dies ermöglicht es zum ersten Mal die Gesichtsausdrücke des Hundes systematisch zu analysieren und katalogisieren. Etwas, was bis jetzt noch nicht möglich war.

Hounds & People: Die bisherigen Kenntnisse über die Mimik bei Hunden beschränken sich auf “Angriffsdrohen”, “Abwehrdrohen”, Angst, Unsicherheit, neutralen und freundlichen Gesichtsausdruck. Wird sich unser Wissen über Hunde künftig auch hierüber, Dank ihrer wissenschaftlichen Arbeit künftig ändern?

Dr. Juliane Kaminski: Dog FACS wurde genau aus diesem Grund entwickelt um die Gesichtsausdrücke der Hunde systematisch zu analysieren. Leider ist es gerade in diesem Bereich oft der Fall, dass mehr interpretiert als analysiert wird. Wir sagen der Hund guckt aggressiv oder ängstlich, aber wir können nicht genau bis ins Detail analysieren welche Gesichtsmuskulatur bei welcher Mimik eine Rolle spielt und ob zwei Gesichtsausdrücke wirklich vergleichbar sind, weil z.B die selben Gesichtsmuskeln verwendet werden. Dog FACS ermöglicht dies! Es ist ein System, das die Bewegungen der verschiedenen Muskelgruppen im Gesicht analysiert, wir nennen das dann Action Units. So können wir genau festlegen welche Action units in welcher Situation von dem Hund eingesetzt werden und so wirklich vergleiche anstellen und Rückschlüsse auf die Bedeutung der jeweiligen Mimik schließen. Dieses System benötigt ein spezielles Training für den, der es benutzen möchte, weil es so detailliert ist.

Hounds & People: Ekman setzt für das Training eine gute Wahrnehmung, Sensibilität und die Fähigkeit voraus synergetisch, in Zusammenhängen, zu denken. Ist dies bei ihnen ebenso? Wer kann das System bei Ihnen lernen?

Dr. Juliane Kaminski: Ja das ist bei uns sicher nicht anders, aber natürlich kann jeder dieses System erlernen. Dieses Training ist jedoch eine essentielle Grundvorraussetzung, weil nur so gewährleistet werden kann, dass die Benutzung von Dog FACS standardisiert ist und Definitionen nicht aufgeweicht werden. Sonst haben wir am Ende alle nichts gewonnen und wieder dieselbe, eher subjektive Wahrnehmung, gegen die wir ja eigentlich ankämpfen wollen.

Hounds & People: Wird sich über Ihre neuen wissenschaftlichen Arbeiten die Wahrnehmung und auch die Kommunikation gegenüber und mit dem Hund ändern?

Dr. Juliane Kaminski: Wie alle unsere Forschung in Bezug auf den Hund dient auch dieses Projekt dazu den Hund besser zu verstehen. Besser zu verstehen wie er mit seinen Artgenossen kommuniziert, besser zu verstehen, wie er mit dem Menschen kommuniziert. Eine gute Beziehung zwischen Mensch und Hund, setzt ein besseres Verständnis voraus. Unsere Arbeit wird hoffentlich helfen, dieses Verständnis zu schaffen.

Hounds & People: Vor Kurzem veröffentlichten wir einen kritischen Artikel über die Schutzhundeausbildung durch Privatleute. Das Wissen über Hunde und der Umgang mit ihnen war erschreckend. Das Training durch das dem Hund beigebracht wird in einen gepolsterten Arm des Figuranten zu beißen wurde damit gerechtfertigt, dass dies ungefährlich, für den Hund ein Spiel sei, wodurch er seine „Triebe“ abbauen könne. Solche “Triebe” werden dem Hund in dieser Branche seit Jahrzehnten angedichtet. Was halten sie als Wissenschaftler von ein solchem Training?

Dr. Juliane Kaminski: Die Zusammenarbeit von Mensch und Hund gehört natürlich seit Jahrtausenden zu den Grundfesten der Mensch-Hund Beziehung. Wir hätten heute keine Hunde, wenn sie nicht, schon von Beginn an, für uns von großem Nutzen gewesen wären und es nach wie vor sind. Wie in anderen Bereichen auch führt natürlich leider die Nutzung von Tieren zur Ausnutzung. Das ist beim Hund nicht anders als beim Schwein oder der Kuh. Für mich als Wissenschaftler ist es einigermaßen enttäuschend zu sehen, mit wie wenig fundiertem Grundwissen man sich zum Experten erklären kann. Das ist, meiner Meinung nach, das Grundproblem in Deutschland, wie auch in anderen europäischen Ländern. Hundetrainer ist keine anerkannte Berufsausbildung mit einer ordentlichen Ausbildungszeit. Jeder kann, wie es ihm oder ihr beliebt, ein Training für Hunde anbieten. Wie weit dieses dann auf echten wissenschaftlichen Erkenntnissen oder eben einfach auf überlieferten Traditionen oder Meinungen basiert, ist kaum kontrollierbar.

Hounds & People: Ein besseres Verständnis und Einfühlungsvermögen, das wäre schön für die Hunde! In der Gesellschaft hat sich die Meinung etabliert, Hunde müssten wie „Roboter“ in jeder Situation funktionieren, oder werden wie „Tamagotschies“ behandelt. Selbstständiges Denken und fühlen wird dem Hund bis heute abgesprochen und er wird missverstanden “beurteilt” oder zu unrecht bestraft. Setzt Lernen und Lösungen finden nicht Vertrauen und einen gewissen Spielraum an Freiheit voraus? Sollte dem Hund nicht erst diese Chance gegeben werden, damit er dies auch beweisen kann?

Dr. Juliane Kaminski: Ich glaube das ist das Schöne an meiner Arbeit: Immer wieder zu sehen wie überrascht Hundebesitzer oft sind wenn sie sehen wie flexibel, eigenständig und kreativ Hunde manche Probleme lösen können. Wir erleben immer wieder das Hundebesitzer mit einer recht vorgefertigten Meinung kommen und annehmen, dass ihr Hund eher gar nichts verstehen wird oder nur sehr ‘konditionierten’ Ritualen folgen wird. Wer soll es den Hundebesitzern verübeln…. dies war das Bild was lange Jahrzehnte vorherrschte und sicher in vielen Kreisen immer noch vorherrscht. Pavlov hat da den Hunden sicher keinen Gefallen getan als er sie als Model wählte um den Mechanismus der klassischen Konditionierung aufzuzeigen. Seit dem wurde so gut wie jedes Hundeverhalten eigentlich auf Konditionierung reduziert. Raum für die Annahme, dass Hunde flexibel bestimmte Denkaufgaben lösen können, gab es kaum. Dabei ist klassische Konditionierung natürlich auch bei uns Menschen anwendbar. Spricht man unserer Art deshalb das flexible Denke ab? Sicher nicht. Daher ist diese Art Forschung, die Kognitionsforschung, wichtig um aufzuzeigen zu was Hunde in der Lage sind. Nur das wird auch die Grundlage schaffen dafür, dass wir unsere Hunde angemessen behandeln, das wir sie nicht über- oder unterschätzen und es ermöglicht es uns Wissenschaftlern den Hundebesitzern diesen neuen Blick auf ihren Hund zu geben, wenn sie das erste mal sehen wie klug ihr Hund bestimmte Aufgaben meistert.

Hounds & People: Wie können Hundebesitzer lernen ihren Hund besser zu verstehen und was können Sie schon jetzt tun?

Dr. Juliane Kaminski: Es gibt bereits sehr schöne Bücher, die den aktuellen Stand der Hundekognitions-Forschung zusammenfassen. Kein Hundebesitzer muss sich also mit der englischen Primärliteratur beschäftigen um zu verstehen was der aktuelle Stand der Forschung ist. Ein erster Schritt ist also vielleicht sich mit dieser Literatur zu beschäftigen. Ein anderer Tipp ist sich nicht von jedem Trend leiten zu lassen. In Zeiten des Internets gibt es so viele Möglichkeiten herauszufinden was die Expertise einer Person zu einem Thema wirklich ist. Und manchmal wird man überrascht sein wie wenig oft hinter einer Meinung steckt.

Hounds & People: Womit werden Sie sich in der nächsten Zeit beschäftigen.

Dr. Juliane Kaminski: Wir planen viele Projekte, um Dog FACS einzusetzen. Wir möchten uns mit der Mimik des Hundes weiter beschäftigen, mit Rassenunterschieden und mit Unterschieden zwischen Hund und Wolf.

Hounds & People: Vielen Dank, Frau Dr. Kaminski für das Interview.

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